Das Leben mit Zöliakie: Ab jetzt glutenfrei essen

Diese Repor­tage über das Leben mit Zöli­a­kie und die Pro­bleme, die ent­ste­hen, wenn man glu­ten­frei essen muss, ent­stand im Rah­men mei­nes Jour­na­lis­tik-Semi­nars im Som­mer­se­mes­ter 2016 und beruht auf dem Inter­view mit mei­ner Freun­din Diana.

Eine Reise durch den Alltag einer Betroffenen

Frisch geba­ckene Bröt­chen vom Bäcker zum Früh­stück, Pasta zum Mit­tag­es­sen, sich im Som­mer abends spon­tan mit Freun­den im Bier­gar­ten ver­ab­re­den – das alles gehört für die meis­ten Men­schen zum Leben dazu. Nicht ganz so ein­fach ist es für Diana Mül­ler: Die 30-jäh­rige lei­det seit fünf Jah­ren an Zöli­a­kie und muss seit­dem alle glu­ten­hal­ti­gen Pro­dukte aus ihrem All­tag strei­chen.  

»Spon­tan geht nicht, weder Essen gehen noch rei­sen ohne Selbst­ver­sor­gung. Das ist auch das, was mich am meis­ten nervt«, erzählt Diana Mül­ler, als sie an einem schö­nen, son­ni­gen Mit­tag das gut besuchte Tivo­lino betritt, eines der weni­gen Restau­rants in Stutt­gart, das auch Spei­sen für Glu­ten­un­ver­träg­li­che anbie­tet. »Essen gehen muss bei mir immer geplant sein. Inzwi­schen weiß ich glück­li­cher­weise aber schon, wel­che Restau­rants in Stutt­gart Alter­na­ti­ven anbie­ten.«
Sie setzt sich, blät­tert in der Spei­se­karte und stoppt auf der Seite, auf der senza glu­tine steht. Sie bestellt sich eine glu­ten­freie Pizza, das macht sie eigent­lich fast immer. »Pasta klappt Zuhause noch, Piz­za­t­eig machen ist eher schwie­rig«, erzählt sie und ordert sich des­halb eine pizza con rucola e pro­sci­utto.
Schon wenige Minu­ten spä­ter steht die Pizza vor ihr, der Par­ma­schin­ken glänzt saf­tig, dar­über liegt wild ver­streut, aber doch irgend­wie gewollt, der fri­sche Rucola. »Allein der Teig wird anders zube­rei­tet. Ver­mut­lich eine Mischung aus Mais- und Reis­mehl«, mut­maßt sie und schnei­det sich ein Stück nach dem ande­ren zurecht. Dass sie ihre Pizza, die ihr sonst im All­tag nur zu oft ver­wehrt wird, genießt, kann man ihr förm­lich anse­hen. »Aus­wärts essen ist Luxus für mich.«

Diana Mül­ler ist eine der rund 300.000 Betrof­fe­nen in Deutsch­land, die unter Zöli­a­kie, einer Mischung aus All­er­gie und Auto­im­mun­krank­heit, lei­den. Die Ursa­che hier­für liegt in der Unver­träg­lich­lich­keit des Kle­ber­ei­wei­ßes Glu­ten, wel­ches vor allem in den Getrei­de­ar­ten Wei­zen, Din­kel, Rog­gen, Gerste und Hafer vor­kommt. »Man muss zwi­schen Zöli­a­kie und Glu­ten­sen­si­ti­vi­tät unter­schei­den: Glu­ten­sen­si­vi­tät kann tem­po­rär erschei­nen und sich nach einer glu­ten­freien Diät wie­der zurück­bil­den«, fasst sie zusam­men.
Zöli­a­kie ist nach heu­ti­gem Stand der Wis­sen­schaft nicht heil­bar und eine radi­kale Essen­s­um­stel­lung daher auch zwin­gend erfor­der­lich, denn Glu­ten kann vor allem den Darm nach­hal­tig schä­di­gen. Bei Zöli­a­kie-Betrof­fe­nen führt die Zufuhr von Glu­ten zu einer Ent­zün­dung in der Darm­schleim­haut, dies hat zur Folge, dass sich die Zot­ten, die für die Pro­duk­tion des Ver­dau­ungs­safts ver­ant­wort­lich sind, zurück­bil­den. Dadurch ver­rin­gere sich die Ober­flä­che des Dünn­darms und es kön­nen nicht mehr genü­gend Nähr­stoffe auf­ge­nom­men wer­den. So ent­stün­den im Laufe der Erkran­kung Nähr­stoff­de­fi­zite, die eine Reihe der Beschwer­den wie Durch­fall, Erbre­chen, chro­ni­sche Müdig­keit, Kraft­lo­sig­keit oder Blut­ar­mut aus­lö­sen kön­nen.

Ein glutenfreier Burger.
Glu­ten­frei muss nicht auto­ma­tisch lang­wei­lig sein.

Von jetzt auf gleich: Umstellung auf ein glutenfreies Leben

Die Umstel­lung auf glu­ten­freies Essen und der Umgang mit der The­ma­tik war für Mül­ler anfangs schwie­rig und allem voran eine emo­tio­nale Ach­ter­bahn­fahrt. »Schon kleinste Men­gen kön­nen eine Reak­tion her­vor­ru­fen«, berich­tet sie. Des­halb durfte es auch keine Aus­nah­men geben. »Teil­weise tre­ten Fol­gen erst Stun­den spä­ter ein, das macht das Ganze unbe­re­chen­bar. Vor allem, wenn man aus Ver­se­hen etwas Glu­ten­hal­ti­ges kon­su­miert hat.«

Sie erin­nert sich an ihre Dia­gnose, als wäre es erst ges­tern gewe­sen: Nur wenige Tage danach war sie erst­mals als Zöli­a­kie-Erkrankte auf einer Party ein­ge­la­den. Es war Som­mer, es wurde gegrillt, das Fleisch auf dem Grill brut­zelte vor sich hin, der Kuchen stand ver­füh­re­risch ange­rich­tet auf einem Tisch. Die Gäste luden sich wie selbst­ver­ständ­lich alles auf den Tel­ler. »Ab da fiel mir schmerz­lich auf, wie ein­fach frü­her alles war und dass ich diese Spon­ta­nei­tät beim Essen nie wie­der haben werde. Ich fühlte mich wie ein Außen­sei­ter, konnte nicht mit­es­sen, nicht mit­re­den. Ich wurde durch die Zöli­a­kie aus­ge­grenzt«, erin­nert sie sich. Es war ihr nicht mög­lich, Steaks und Würst­chen ohne Beden­ken auf den Grill zu wer­fen, da die Mari­nade ande­rer glu­ten­hal­tig sein konnte. »Das war schwie­rig. Davor war ich immer der Typ Mensch, der alles essen konnte, wann immer ich wollte. Das ging ab dem Zeit­punkt natür­lich nicht mehr.«

Glück­li­cher­weise hat sich die Hilf­lo­sig­keit dann aber nach und nach gelegt. Anfangs fiel es ihr noch schwer, mit Bekann­ten essen zu gehen, den Duft der fruch­tig-toma­ti­gen Pasta des Gegen­übers zu igno­rie­ren, sich selbst mit weni­ger zufrie­den zu geben. Je mehr man sich aber mit Zöli­a­kie aus­ein­an­der­setze und je mehr man sich aus­kenne, desto bes­ser gehe es.

»In der Regel ler­nen die Betrof­fe­nen auch schnell, wel­che Lebens­mit­tel tabu sind und wel­che nicht«, fährt Mül­ler fort. Nach dem Restau­rant­be­such im Tivo­lino geht sie gezielt auf einen Super­markt zu, der, wie inzwi­schen viele, mit einer der glu­ten­freien Ecke aus­ge­stat­tet ist. »Prin­zi­pi­ell lässt sich alles gut erset­zen, nur beim Backen kann es vor­kom­men, dass die Muf­fins oder der Kuchen etwas tro­cke­ner schme­cken. Aber den Dreh hat man bald raus, wenn man sich eine Weile damit beschäf­tigt.« Sie greift nach einer Packung Spa­ghetti aus Mais­mehl und einer Packung Bröt­chen, eben­falls aus Mais-, aber auch Reis­mehl. »Das sind meine Basics.«

Glutenfrei essen muss gut organisiert sein

Abends steht Mül­ler in ihrer klei­nen Küche und berei­tet sich neben ihrem Abend­es­sen, Spa­ghetti Car­bo­n­ara, auch das Mit­tag­es­sen für den nächs­ten Tag vor, meist Salat mit viel bun­tem Gemüse. Was an Mül­lers Küche sofort auf­fällt, sind die vie­len Koch-Uten­si­lien aus Metall, die wohl­ge­ord­net über der Küchen­platte im Gra­nit-Look an Haken hän­gen.
Sie holt den Salat aus ihrem Kühl­schrank, dann noch ein, zwei ver­schie­den­far­bige Paprika und schnei­det diese gekonnt auf einem Schnei­de­brett aus Plas­tik in kleine Stü­cke. »Beim Kochen oder Backen muss man beden­ken, dass sich Glu­ten in Rühr­ge­rä­ten, Back­for­men, Holz­koch­löf­fel und –bret­tern fest­set­zen kann«, erzählt Mül­ler. Da sie kurz nach der Dia­gnose vor fünf Jah­ren noch bei ihren Eltern wohnte, nahm sie diese des­halb regel­mä­ßig zu Ter­mi­nen mit einer Ernäh­rungs­be­ra­te­rin mit. Diese erklärte der Fami­lie, dass ein glu­ten­freies Leben sich nicht nur auf den Kon­sum von glu­ten­freien Lebens­mit­teln beschränke, son­dern auch auf Uten­si­lien und die Art und Weise der Zube­rei­tung von Spei­sen. »Wir sind des­halb auf eine Metall- oder Plas­tik-Aus­stat­tung umge­stie­gen, um das Risiko für mich zu sen­ken, da meine Eltern ja nicht immer glu­ten­frei gekocht haben. Das habe ich ein­fach bei­be­hal­ten.« Sie packt den Salat in eine wie­der­ver­schließ­bare Tüte und berei­tet sich ein Dres­sing aus Essig, Öl und Gewür­zen vor. »Das geht nicht anders: Fer­tig-Dres­sings sind wie andere fer­tige Lebens­mit­tel lei­der oft glu­ten­hal­tig.«

Glutenfrei kocht man am besten mit Metall-Utensilien.
Glu­ten­frei kocht man am bes­ten mit Metall-Uten­si­lien, weil sich das Glu­ten gerne mal in Holz­rit­zen absetzt.

Das Mit­brin­gen ihres Mit­tag­es­sens hat sie sich ange­wöhnt, seit es nicht mehr mög­lich ist, spon­tan essen zu gehen. Wenn sie doch mal plant, mit den Kol­le­gen oder ander­wei­tig aus­wärts essen zu gehen, infor­miert sie sich davor direkt in den Restau­rants, um Alter­na­ti­ven zu erfra­gen. »Inzwi­schen ist der Begriff glu­ten­frei für die meis­ten auch kein Fremd­wort mehr, vor allem im städ­ti­schen Bereich. Trotz­dem muss man noch dar­auf ach­ten, was als Deko­ra­tion oder Bei­gabe auf dem Tel­ler liegt«, sagt sie und lacht. Dar­über lachen konnte sie nicht immer. Viel zu oft kam es vor, dass ein Gericht glu­ten­frei beti­telt wurde, dann aber Crou­tons über den Salat gestreut waren oder das Brot als Bei­lage direkt neben dem Steak lag. »Das muss man dann lei­der direkt zurück­ge­hen las­sen, was ein­fach ärger­lich ist.«

Gerade weil man auf so viel ach­ten muss, sto­ßen Zöli­a­kie-Erkrankte nicht immer auf Ver­ständ­nis, trotz ihrer Alter­na­tiv­lo­sig­keit. Sogar viele Nahe­ste­hende seien genervt von der Acht­sam­keit, die man an den Tag legen müsse. »Für mich alleine zu kochen oder zu orga­ni­sie­ren ist kein Pro­blem«, erzählt Mül­ler, wäh­rend sie ihre Car­bo­n­ara zube­rei­tet. »Mit meh­re­ren ist es schwie­rig, weil sie nicht gewohnt sind, so peni­bel sein zu müs­sen.«

Sie erzählt von einer Party, als eine Freun­din im Zuge der Cock­tail­vor­be­rei­tung eine Limette auf einem Brett schnei­den wollte, auf dem vor­her noch ein Baguette lag. »Ich bat sie, die Limet­ten auf einem sau­be­ren Tel­ler zu schnei­den, wegen der Krü­mel. Sie war dar­auf­hin sofort genervt von mei­ner Pin­ge­lig­keit.« Glück­li­cher­weise gebe es auch Per­so­nen, die sich inten­siv mit der Erkran­kung beschäf­tig­ten, um es ihr so ein­fach wie mög­lich zu machen. »Das hilft mir auch beim gemein­sa­men Weg­ge­hen, auf Par­tys oder beim Rei­sen.«

Das geht in der Form nicht mehr: Pasta, Bulgur oder Couscous.
Das geht in der Form nicht mehr: Pasta, Bul­gur oder Cous­cous. Aber glück­li­cher­weise gibt es vie­les auch glu­ten­frei.

Klassische Probleme im Alltag

Rei­sen ist sowieso ein Thema, das es zu orga­ni­sie­ren gilt, genauso wie grö­ßere Events wie Hoch­zei­ten, Weih­nachts­fei­ern oder Geburts­tage. Es ist unab­ding­bar, Freunde, Fami­lie oder Kol­le­gen bei der Essens­frage mit ein­zu­be­zie­hen, denn bei Nicht-Beach­tung kann es ganz schnell pas­sie­ren, dass Betrof­fene die Spei­sen nicht mehr essen kön­nen.
Vor zwei Jah­ren war Mül­ler unter­wegs zu einer Hoch­zeit in Ita­lien, zusam­men mit sechs ande­ren auf Selbst­ver­sor­ger-Basis. »Man stelle sich vor, allein beim Früh­stück: Alle essen Bröt­chen, schnei­den diese auf, krü­meln dabei auf die nähere Umge­bung, holen sich mit ihrem Mes­ser eine Scheibe Käse oder Wurst, oder strei­chen mit dem Mar­me­la­delöf­fel die Mar­me­lade auf dem Bröt­chen glatt und ste­cken den Löf­fel zurück ins Glas.« Das wären jetzt schon drei Mög­lich­kei­ten, wie schnell es gehen kann, dass sie die Nah­rungs­mit­tel nicht mehr essen könne. »Mit dem Thema Buf­fet auf grö­ße­ren Fei­ern brau­chen wir gar nicht erst anfan­gen.«

Grund­sätz­lich habe sie gelernt, dass es auch mit den bes­ten Vor­sät­zen ein­fach zu schwie­rig sei, auf alles zu ach­ten: Uten­si­lien, Zube­rei­tungs­pro­zess und Nah­rungs­mit­tel. Viele ihrer Freunde oder Ver­wand­ten bemüh­ten sich zwar, aber manch­mal gehe halt doch was schief, wenn auch nicht mit Absicht. »Das ist eben Gewohn­heit, die lässt sich nicht so leicht ändern.« Seit­dem isst Mül­ler vor Fei­ern oder ande­ren Events meis­tens Zuhause. »Das ist für alle ent­spann­ter.«

Inzwi­schen hat sich Diana Mül­ler an ihr Leben mit Zöli­a­kie gewöhnt. »Ich habe das Glück, dass ich von den meis­ten mei­ner Freunde unter­stützt werde, somit muss ich nicht mehr an kom­plett alles den­ken, dafür bin ich sehr dank­bar. Inzwi­schen ist es auch so, dass jeder schon mal etwas über Zöli­a­kie gehört hat und wenn nicht, zumin­dest weiß, was glu­ten­freie Lebens­mit­tel sind.« Das sah vor ein paar Jah­ren noch ganz anders aus. »Im Ver­gleich zu Ita­lien, Eng­land, Schwe­den und ande­ren Län­dern liegt Deutsch­land bezüg­lich des The­mas aller­dings weit hin­ten.«

Groß sind die Hoff­nun­gen vie­ler Erkrank­ter, dass es in Zukunft Hei­lung für ihr Schick­sal gibt. »Ich würde so gerne mal wie­der eine rich­tige Bre­zel oder Eis in einer Waf­fel essen«, seufzt Mül­ler und gibt die Spa­ghetti in die Tel­ler. Sie über­gießt die Pasta groß­zü­gig mit ihrer Car­bo­n­ara-Soße. »Bis dahin freue ich mich dar­über, dass ich inzwi­schen wenigs­tens eine Alter­na­tive habe.«

One thought on “Das Leben mit Zöliakie: Ab jetzt glutenfrei essen

  1. Zöli­a­kie ist echt hart. Der BF hier ist ja glu­ten­in­to­le­rant und das ist auch schon blöd. Wenn ich jetzt noch wegen jedem Brot­kru­men hin­ter­her­ren­nen müsste… man man man.

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