Mein Vegetarier-Verhaltenskodex.

Vor drei Jah­ren habe ich den Ent­schluss gefasst, Vege­ta­rier zu wer­den. In die­sen drei Jah­ren habe ich viel gelernt: Wie andere Men­schen mich sehen, wie ich auf was in ver­schie­de­nen klas­si­schen Situa­tio­nen reagie­ren sollte, die jedem Vege­ta­rier oder Vega­ner wahr­schein­lich schon mal pas­siert sind. Ich bin jemand, der die Har­mo­nie bevor­zugt, und handle in der Regel auch so – wes­halb ich die The­men »Vege­ta­ris­mus, Vega­nis­mus, Fleisch essen« folg­lich sel­ten mit mei­nem Umkreis dis­ku­tiere.

Nach die­sen drei Jah­ren ist es für mich auch völ­lig nor­mal, fleisch­los zu essen, und für mei­nen Freun­des- und Fami­li­en­kreis auch, Dis­kus­si­ons­be­darf ist da nicht nötig oder hat sich aus­dis­ku­tiert. Natür­lich habe ich in die­ser Zeit irre viel gelernt, denn ab und an steht man vor wah­ren Her­aus­for­de­run­gen: ess­tech­ni­scher und auch mensch­li­cher Art.
Denn, seien wir mal ehr­lich: Klar, haben es Alle­ses­ser öfter mal mit Vege­ta­ri­ern oder Vega­nern zu tun, die einen mili­tant voll­quat­schen, aber die Chance, beim Essen blöd ange­quatscht zu wer­den, ist auf Sei­ten der Vege­ta­rier oder Vega­ner gerne mal weit­aus höher, da sie ers­tens nicht der Norm des »nor­ma­len Essens« ent­spre­chen und weil es weit­aus mehr Alle­ses­ser gibt und so die Chance hier­für höher ist. Ist auch ein Stück weit okay, wer anders is(s)t, wird eben dar­auf ange­spro­chen – zumin­dest noch. Deal with it.

Dabei geht es aber auch nicht nur um andere, son­dern auch ganz viel um sich selbst. Jeder hat so seine eige­nen Regeln, wie er sich ver­hält, was seine Ziele sind und was er errei­chen will: Fleisch­es­ser oder nicht. Meine Ziele sind prin­zi­pi­ell nur, in Ruhe essen zu kön­nen; dabei will ich kei­nen beläs­ti­gen und möchte auch von kei­nem ande­ren beläs­tigt wer­den. Ich möchte so leben und essen, wie ich es für mich ver­ein­ba­ren kann und wie ich damit glück­lich werde – meine (zuge­ge­ben sehr ide­el­len) Werte mit mei­nem All­tag in Ein­klang brin­gen. Die Stim­men von außen kann ich abschir­men, igno­rie­ren, aber meine eigene innere Stimme wiegt natür­lich viel mehr.

Und so habe ich, nach und nach und ganz unbe­wusst mei­nen eige­nen klei­nen Ver­hal­tens­ko­dex ent­wi­ckelt; quasi meine sechs Gebote bezüg­lich des Vege­ta­rier- und Vega­ner­tums – oder halt das, was von mei­nem täg­li­chen Man­tra übrig blieb. 

1. Nicht so streng zu sich selbst sein.

Und das ist meine aller­erste Regel, weil ich lei­der Got­tes sehr per­fek­tio­nis­tisch ange­haucht bin. Es gibt nichts mehr, das einen mehr her­un­ter­zieht, als per­fekt sein zu wol­len. Das Stre­ben nach Per­fek­tion ist okay, aber alles, was dar­über hin­aus geht, schränkt einen zu sehr ein und zieht run­ter – das habe ich schon für Euch getes­tet. Jeder schei­tert auf sei­nem Weg mal und stol­pert über den einen oder ande­ren Stein, wir müs­sen nur stark genug sein, wie­der auf­zu­ste­hen und den Weg trotz der Uneben­hei­ten wei­ter­zu­ge­hen.

Ich habe auch fest­ge­stellt, dass die, die zu streng mit sich selbst sind, auch streng gegen­über ande­ren sind und leich­ter in das Mus­ter ver­fal­len, andere zu ver­ur­tei­len. Und wie wir wis­sen, hat jeder seine eigene Auf­fas­sung, was für ihn selbst in wel­chem Maße in Ord­nung ist, und was nicht – es wäre arro­gant, andere mit dem eige­nen Wer­te­sys­tem zu bewer­ten.

2. »Gewaltsames überzeugen« ist tabu.

Ich habe die Erfah­rung gemacht, dass ich mehr Men­schen in ein Gespräch zum Thema Vege­ta­ris­mus und Vega­nis­mus bewe­gen konnte, indem ich ein­fach – rich­tig: nichts – gemacht habe. In der Regel kom­men Men­schen dann von selbst auf einen zu, weil sie fest­stel­len, dass man kein Fleisch isst und sind auch oft daran inter­es­siert, wie »das eigent­lich funk­tio­niert«. Oft ken­nen die Men­schen auch »jeman­den, der nur pflanz­lich isst« und so kommt man lang­sam ins Gespräch.

Natür­lich muss man seine Mei­nung nicht hin­term Berg hal­ten und kann Kri­tik üben – anders würde sonst kei­ner auf die Pro­ble­ma­tik (Ethik, Umwelt, Welt­hun­ger …) auf­merk­sam wer­den – inwie­fern das jeder machen möchte, liegt einem natür­lich frei; so, dass man sich mög­lichst wohl fühlt. Ich per­sön­lich nutze mei­nen Blog dazu, um Dinge los­zu­wer­den, die mir auf dem Her­zen lie­gen, aber ich würde nie­mals einen Men­schen per­sön­lich ange­hen oder wäh­rend eines Essens über die Fol­gen der Mas­sen­tier­hal­tung spre­chen. Die Basis für eine gesunde Dis­kus­sion ist immer, wenn alle Betei­lig­ten dazu bereit sind – finde ich zumin­dest.

3. Sachlich argumentieren. Sachlich bleiben.

Wahr­schein­lich das schwie­rigste Unter­fan­gen bei einem sehr emo­tio­na­len Thema – aber gerade, weil es so emo­tio­nal ist, hilft es mir, sach­lich zu argu­men­tie­ren und so run­ter­zu­kom­men. Ich behalte auch im Hin­ter­kopf, dass auch ich selbst 27 Jahre lang Fleisch geges­sen habe und ganze sechs Jahre »gebraucht habe«, um die kogni­tive Dis­so­nanz (Fleisch essen nicht kor­rekt fin­den, aber es trotz­dem tun und dafür auch immer Argu­mente fin­den) in mei­nem Kopf aus­zu­glei­chen.

Oft füh­len sich Men­schen in mei­ner Gegen­wart schon ange­grif­fen, ohne, dass ich etwas getan habe – nur, weil ich kein Fleisch esse. Ich kann das sogar nach­voll­zie­hen (been there, done that) und reagiere auf blöde Sprü­che oder Kom­men­tare eigent­lich nie, außer, jemand über­treibt es hart. In die­sem Punkt eine sach­li­che Dis­kus­sion zu begin­nen, ist mei­ner Erfah­rung nach eher kon­tra­pro­duk­tiv, weil der andere schon zu nega­tiv ein­ge­stellt ist und ein Gespräch zu die­sem Zeit­punkt kei­nem was brin­gen würde, außer Ver­druss auf bei­den Sei­ten.

4. Menschen dort abholen, wo sie stehen.

Gilt eigent­lich für alle Dis­kus­sio­nen und ich merke gerade oft auch in ande­ren The­men­be­rei­chen, dass das ein gro­ßes Pro­blem ist: Ich selbst inter­es­siere mich für das Thema Vege­ta­ris­mus und Vega­nis­mus und weiß gut dar­über Bescheid – andere nicht. Ich darf nicht vor­aus­set­zen, dass alle, die mit mir über das Thema spre­chen, den glei­chen Wis­sens­stand haben wie ich.

Ich kenne es aus vie­len Dis­kus­sio­nen, dass Men­schen oft mit »Bist Du blöd?« oder ähn­li­chem abge­speist wer­den, anstatt sie sinn­voll auf­zu­klä­ren. Natür­lich muss die Bereit­schaft für ein Gespräch da sein – aber man merkt ja rela­tiv schnell, wer ein­fach nur »anti« oder eher »unwis­send, aber inter­es­siert« ist.

5. Sich mit Gleichgesinnten umgeben.

Es gibt zwei Arten von Men­schen: Die einen, die einen stär­ken, und die ande­ren, die einen her­un­ter­zie­hen. Es ist okay, wenn andere es nicht ver­ste­hen, warum genau man jetzt vege­ta­risch oder vegan lebt, aber es stän­dig zu kri­ti­sie­ren oder sich dar­über lus­tig zu machen ist ein­fach Mist – auch wenn es »nur lus­tig gemeint ist«.

Ich per­sön­lich umgebe mich, logi­scher­weise, am liebs­ten mit Men­schen, die meine Ein­stel­lung tei­len, sie aber min­des­tens akzep­tie­ren oder tole­rie­ren. Ich hatte noch nie ein Pro­blem damit, mit einer omni­voren Per­son zu kochen oder essen zu gehen, oft­mals gehen sie sogar auf mich ein, neh­men meine Gefühle Ernst; und das finde ich bewun­derns­wert, weil nicht für jeden selbst­ver­ständ­lich.

6. Stolz auf sich sein.

Man hat sich für eine alter­na­tive Lebens­weise ent­schie­den, die Tie­ren weni­ger Leid zufügt, die die Umwelt weni­ger belas­tet und mit der man sich selbst – und das ist das Wich­tigste – wohl fühlt, obwohl man hin und wie­der kleine Abstri­che machen muss. 

Ich selbst habe mich hin­ge­gen immer her­un­ter­ge­macht, wenn ich mal nicht durch­ge­hal­ten habe (betrifft vor allem, dau­er­haft vegan zu essen), anstatt ein­fach mal stolz dar­auf zu sein, dass die Welt durch meine Lebens­weise ein klein wenig weni­ger schlecht ist. Nein, ich möchte die Welt nicht ret­ten, und nein, ich kann das auch gar nicht. Aber ich kann gewisse Dinge ein­fach nicht igno­rie­ren und trage so dazu bei, dass die Welt für mich ein bes­se­rer Ort wird.

7 thoughts on “Mein Vegetarier-Verhaltenskodex.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

-_- 
#bigeyes 
#clap 
#cool 
#cry 
;_; 
#grin 
#handsup 
#heart 
#hearteyes 
#hihi 
:kls 
#nixhoeren 
#nixsagen 
#nixsehen 
#peace 
#rage 
#rofl 
:( 
:O 
#blush 
#sigh 
:* 
:-/ 
#thumbs 
:P 
;) 
#yeah 
#yum