Wie ich wieder lernte, Auto zu fahren.

Stuttgarter Verkehr

Vor knapp drei Jahren meldete ich mich für meinen Führerschein an. Das war eines meiner Langzeitprojekte, die ich immer wieder mal so mache, damit mein Leben nicht so furchtbar und eintönig und langweilig ist. Und so hielt ich meine Fahrlizenz am 9. September 2013 in meinen Händen - das Foto war nicht so schlimm, wie das auf meinem Reisepass, aber ich sah trotzdem total zugekifft aus. Glücklich war ich trotzdem.

Ich machte meinen Führerschein übrigens direkt in Stuttgart und war alles gewohnt: Stau. Stau. Stau. Stop and go. Stau. Stau. Asi-Autofahrer. Krassen Spurwechsel. Ich hatte auch einen Fahrlehrer, der mir nebenher seine Lebensgeschichte erzählte, mit Kollegen telefonierte, an der Tanke kurz Bier holte und nebenher andere Autofahrer anbrüllte. Das war eine sehr schöne Zeit. Es härtete mich ab und bereitete mich auf das taffe Leben als Autofahrer vor.
Die erste Zeit nach dem Erwerb meines Führerscheins fuhr ich deswegen auch unerschrocken durch Stuttgart; zumindest sah es so aus, ich musste nämlich hart mit meiner nicht vorhandenen Fähigkeit zum Multitasking dealen und war immer sehr konzentriert, als ich kurz nacheinander schalten, lenken und blinken musste - und überlebte. Meine erste Fahrt absolvierte ich übrigens mit der B-Klasse meines Schwiegervaters und der Mann saß so verkrampft neben mir, als würde er dem Tod ins Auge blicken.

Ja, aber dann war es eben so, dass ich kein Auto besaß und ich meine Fahrpraxis nicht weiter ausbauen konnte. Der eine oder andere erinnert sich bestimmt noch daran, dass ich mir einen Smart kaufen wollte, was aber recht kostspielig war und außerdem kostentechnisch komplett bescheuert, hätte ich das tatsächlich getan, so mitten in der Stadt.
Das Auto des Mannes durfte ich zwar fahren, allerdings hängt der Mann sehr an seinem Auto. Das klingt jetzt sehr klischeehaft, allerdings muss ich hier erwähnen, dass der Mann absolut nicht materialistisch veranlagt ist und sein Auto eines der wenigen Dinge war, das er sich mal geleistet hat. Jedesmal, wenn ich nur die Hand in Richtung der Fahrertür des Autos bewegte, litt er plötzlich unter Schnappatmung und wünschte sich vermutlich innerlich, dass meine Hand einfach abfällt oder so. Und jetzt überlegt Euch mal, wie das ist, neben so jemandem zu sitzen und zu fahren. Insgesamt würde ich behaupten, dass er nie eine besondere Hilfe als Beifahrer war, er hat meine Ängste nur noch mehr geschürt, so dass ich irgendwann erst recht nicht mehr Auto fuhr.

Und so lebte ich nach kurzer Euphorie über meinen Führerschein wieder ein autofreies Leben wie vor meinem Führerschein und es war auch gar nicht schlimm, allerdings wäre es ab und an organisatorisch ganz geschickt gewesen, wenn ich fahre, aber ich habe es mir irgendwann einfach nicht mehr zugetraut. Das hat denn Mann und mich schon das eine oder andere mal in puncto Flexibilität eingeschränkt, am meisten angekotzt hat es aber mich, weil ich mich von grundlosen Ängsten übermannen ließ und das so gar nicht mein Stil ist.

Ich überlegte mir also, wie ich an ein Auto komme, ohne mir eins anschaffen zu müssen und beschloss letzte Woche spontan, mich bei car2go anzumelden. (Das wollte ich eigentlich auch direkt nach dem Erwerb meines Führerscheins machen, allerdings muss man ein Jahr im Besitz dessen sein und so fiel die Option erst mal weg.)
Ich mag car2go, die Stimme, die zu mir spricht, ist nämlich die Stimme Kevin Spaceys. Ein sehr schöner Nebeneffekt, wenn Kevin Spacey einem sagt, dass man nun den Geschäftsbereich Stuttgart verlässt. Oder dass man nicht mehr so lange fahren kann. Oder dass die Miete beendet ist.

Meine erste Fahrt absolvierte ich dann direkt danach am frühen Nachmittag, damit nicht jeder in Stuttgart gerade dann rumfährt, wenn ich rumfahre - man muss das Schicksal ja nicht unnötig herausfordern. Ich überlegte mir, meine erste Fahrt mit etwas Nützlichem zu verbinden, und so düste ich von mir Zuhause bis zum Fressnapf ein paar Kilometer weiter, kaufte ein bisschen Hundekram, fuhr zurück und war stolz wie Oskar, dass ich das jetzt hinbekommen habe. Beim zweiten Mal fuhr ich an meine Uni und zurück, einfach, um zu fahren. Ich fühlte mich das erste Mal sehr erwachsen, auch wenn ich fünf Minuten brauchte, um richtig einzuparken.

Und weil ich jetzt so unglaublich viel Fahrpraxis in kurzer Zeit gesammelt hatte, habe ich mich in meine absolute Angstzone gewagt: die Stuttgarter Innenstadt, zum Hauptbahnhof, um den Mann von der Bahn abzuholen. Das war überhaupt keine entspannte Sache, ich war aufgeregt wie vor einer Präsentation und checkte sogar auf Google Maps, auf welche Spuren ich musste, um so wenig wie möglich in Kontakt mit Spurwechsel zu kommen, also echt völlig übertrieben ängstlich. Zum Schluss lud ich mir "Cruisen" von den Massiven Tönen aufs iPhone, um meine Angst mit Coolness zu übertünchen.
Ich glaube, der Mann hat sich auch fünf Mal überlegt, ob er sich von mir abholen lassen sollte, aber am Ende hat er auch sein Leben für mich aufs Spiel gesetzt und ist zu mir ins Auto gestiegen, was ich sehr schön fand.

Am Ende war es auch gar nicht so schlimm, wie ich dachte. Ich war sogar so high von meinem Erfolgserlebnis, dass ich mich fast ohne zu zögern auf die Theodor-Heuss-Straße gewagt hätte, aber dann dachte ich mir: Ok. Jetzt mal nicht übertreiben. Ich habe nur eine Jogginghose an, falls mir was passiert, das sähe nicht hübsch aus.
Besonders gefreut hat mich dann auch, dass der Mann meinte, ich wäre super gefahren, was im Schwäbischen schon fast an eine Lobeshymne grenzt ("nix geschwätzt ist genug gelobt"). Vielleicht kann ich mich seinem Auto dann auch bald wieder nähern, ohne, dass er dabei fast tot umfällt.

Und ja, das ist so der aktuelle Status, ich fahre wieder. Allerdings bin jetzt erst mal genug herumgedüst, es ist ja mal wieder Feinstaub-Alarm in Stuttgart und ich möchte das als Öko-Mensch jetzt ja auch nicht unnötig überstrapazieren (ich habe nämlich gelernt, dass Elektroautos auch Feinstaub produzieren, und das nicht mal so wenig, jaha!), auch wenn sich sonst keiner dran hält. Außerdem sind meine Freiminuten fast alle und das Herumfahren kostet ordentlich Asche. Und wie wir alle wissen, bin ich armer Student, der lieber sein Geld in Cocktails steckt, als ins Autofahren.

Ihr könnt mich jetzt jedenfalls gerne zu meinem außerordentlich Mut beglückwünschen. Seid das nächste Mal auch gerne wieder dabei, wenn es heißt: Es ist kein Feinstaubalarm mehr in Stuttgart und ich fahre herum. Vielleicht pose ich dann auch ein bisschen auf der Theo. In meinem geliehenen Smart.

9 Comments

  1. Ich bin noch nie Smart gefahren.

    Glück­wunsch und viel Erfolg dir :D

  2. MartinTriker

    Herz­li­chen Glück­wunsch. Ich über­le­ge übri­gens auch hin und wie­der den Füh­rer­schein zu machen. Trotz mei­nes fort­ge­schrit­te­nen Alters. Nein, dop­pelt so alt wie du bin ich nicht. Aber fast. Gefühlt, manchmal.

    Ach­ja, Smart bin ich mal mit­ge­fah­ren. Aber wie so üblich bei mir, nix Gewöhn­li­ches. Es war ein Smart Roads­ter, den ein Kol­le­ge als Leih­wa­gen hat­te. Gei­les Teil.

  3. So gleicht sich alles aus; ich habe im Okto­ber nach 23 Jah­ren das eige­ne Auto abge­schafft und bin seit­dem auch nicht mehr mit einem gefahren.

  4. Ich fah­re auch immer weni­ger. In den meis­ten Mona­ten habe ich mehr Lauf- als Autokilometer. :-)

  5. jeannie

    Ich fin­de es super, dass du dich wie­der hin­ters Steu­er setzt. Es gibt Zei­ten, da ist man auf ein Auto ange­wie­sen. Ich spü­re es grad schmerz­lich. Eigent­lich woll­te ich Ostern zu mei­nen Eltern fah­ren, aber durch mein Han­dy­cap muss ich noch mal 6 Wochen war­ten und mit dem Zug ist es ein­fach zu umständlich.

  6. Super, dass du dich getraut hast :) ich kann dei­ne Angst sehr gut nach­voll­zie­hen. Habe mei­nen Füh­rer­schein aufm Dorf gemacht. Im Ruhr­ge­biet gibts aber viel Stadt­ver­kehr und Auto­bahn, was mich auch oft noch in Panik ver­setzt. Aber es wird bes­ser, wir schaf­fen das schon ;D

  7. Oh man, das kann ich alles abso­lut nach­voll­zie­hen… Ich habe mei­nen Füh­rer­schein auch erst mit 25 gemacht, bin dann knapp 3 Mona­te gefah­ren (hab das mit dem Ein­par­ken nie gelernt) und hat­te dann eben kein Auto mehr zur Ver­fü­gung. Das letz­te Mal bin ich nach einem Jahr Pau­se wie­der zwecks Umzug auf die Fah­rer­sei­te gestie­gen… :P Aber die Sache mit car2go ist ein guter Ansatz, werd ich mal im Hin­ter­kopf behalten.
    LG – Anja

  8. Ich kann mir so ein Leben ohne Auto abso­lut nicht vor­stel­len. Ich wäre auf­ge­schmis­sen. Ich weiß gar nicht, wie das funk­tio­niert ohne Auto OoO
    Mein Bru­der hat auch kein Auto, wohnt mit­ten in Essen und nutzt dann, wenn es sei muss, auch so ein Car­sha­ring Dienst :)

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