Das war also mein erstes Semester.

Das war das erste Semester

Ich weiß noch, wie ich vor mehr als einem Jahr beschlos­sen habe, dass ich stu­die­ren möch­te. Ich weiß noch, wie ich lan­ge über­leg­te, was, wo und geht das über­haupt, wie machen wir das finan­zi­ell, muss ich anschaf­fen gehen? Wer­de ich genü­gend Moti­va­ti­on haben? Wie leicht oder schwer fällt mir die Umstel­lung vom Arbeits- zu einem Stu­den­ten­le­ben? Wird sich mein Schlaf­kon­sum dras­tisch erhöhen?

Ich habe über­wie­gend posi­ti­ves Feed­back bekom­men und vie­le Men­schen, die sag­ten: »Ich wür­de das auch machen, wäre nicht das und das.« Also bei­spiels­wei­se die Abhän­gig­keit von Geld. Oder Kin­der. Hab ich alles nicht, das sind also pri­ma Vor­aus­set­zun­gen, um sich neu zu ori­en­tie­ren. Ich bin tat­säch­lich sehr froh, dass ich stu­die­ren kann und darf und dass ich auch einen Mann habe, der mich unter­stützt. Natür­lich war ich auch froh über mei­ne gan­zen War­te­se­mes­ter, die mir den Stu­di­en­platz qua­si garantierten.
Das Stu­di­um war wirk­lich eine der bes­ten Ent­schei­dun­gen, die ich in letz­ter Zeit getrof­fen habe: Ich habe so viel gelernt, es ist inter­es­sant, man lernt neue Men­schen ken­nen, man kann viel mehr nach eige­nem Ermes­sen zu ver­schie­de­nen Zei­ten schla­fen und am Ende des Stu­di­ums etwas ganz Neu­es beginnen.

Obwohl ich mich natür­lich sehr aus­gie­big über mei­nen Stu­di­en­gang Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft infor­miert habe, wur­de mir erst nach und nach im ers­ten Semes­ter klar, was Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft eigent­lich bedeu­tet. Grob gesagt unter­sucht die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft die wech­sel­sei­ti­ge Bezie­hung der (Massen)medien und der Gesell­schaft. Es beschäf­tigt sich mit den Medi­en­ak­teu­ren, den Kon­su­men­ten, dem Ein­fluss der Medi­en, dem Unter­su­chen von Medi­en. Ins­ge­samt hat­ten wir fünf Vor­le­sun­gen im ers­ten Semester.

Uni-Vorlesung

Meine Vorlesungen im ersten Semester

Mei­ne liebs­te war Ein­füh­rung in die Medi­en­wir­kungs­for­schung, die ich qua­si immer besucht habe, auch wenn sie Mon­tag­mor­gens statt­fand (ehe­he­he). Die Medi­en­wir­kungs­for­schung beschäf­tigt sich, wie der Name schon sagt, wie die Medi­en auf den Men­schen als Indi­vi­du­um oder als Gesell­schaft wirkt, bezie­hungs­wei­se unter­sucht bei­des: die psy­cho­lo­gi­sche und sozio­lo­gi­sche Ebe­ne. Klas­si­sche Bei­spie­le wären zum Bei­spiel das The­ma »Gewalt­spie­le und sei­ne Wir­kung auf Men­schen« (pas­siert qua­si nach jedem Amok­lauf) oder jetzt die Ana­ly­se von Wahl­pla­ka­ten der Land­tags­wah­len.
Wir han­gel­ten uns in den Vor­le­sun­gen durch ver­schie­de­ne Stu­di­en von 1940 bis heu­te, denn die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft ist eine rela­tiv jun­ge Wis­sen­schaft. Mei­ne Lieb­lings­stu­die war The People’s Choice, in dem Lazars­feld und Kol­le­gen den Wahl­kampf 1940 unter­such­ten, was Men­schen wäh­len, was sie beein­flusst und so wei­ter – unser Dozent ist Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und somit waren vie­le The­men poli­tisch ange­haucht, was ziem­lich inter­es­sant war. Eine eben­so inter­es­san­te Stu­die war die Theo­rie der Schwei­ge­spi­ra­le von Eli­sa­beth Noel­le-Neu­mann, die besagt, dass Men­schen sich unger­ne öffent­lich zu The­men äußern, wenn die­se nicht dem aktu­el­len Medi­en­te­nor ent­spricht (Angst vor sozia­ler Aus­gren­zung), dafür die, deren Mei­nung mit dem Medi­en­te­nor gehen, sie umso häu­fi­ger äußern. Dadurch hört man im End­ef­fekt immer mehr die Stim­men der vor­herr­schen­den Mei­nung, die ande­re wird dafür immer lei­ser (des­we­gen auch die »Spi­ra­le«).
Ich habe die Vor­le­sun­gen wirk­lich ger­ne besucht, weil man so viel gelernt hat, oder kurz­um: War­um Men­schen manch­mal so kom­mu­ni­zie­ren, wie sie eben kom­mu­ni­zie­ren. Es hat Spaß gemacht, das aus wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve zu betrachten.

Ein­füh­rung in die Poli­tik­wis­sen­schaft: Sys­tem der BRD war dage­gen eine der Vor­le­sun­gen, die ich eher unger­ne besuch­te, erin­ner­te sie mich immer an den Gemein­schafts­kun­de­un­ter­richt, nur zig Mal schlim­mer. In der Lern­pha­se hat sich her­aus­ge­stellt, dass ich mich aller­dings total ger­ne mit der The­ma­tik beschäf­tigt habe: Was bedeu­tet regie­ren? Wie ist das demo­kra­ti­sche Sys­tem Deutsch­lands auf­ge­baut, wie unter­schie­det sie sich von ande­ren demo­kra­ti­schen Sys­te­men? Unter wel­chen Umstän­den enste­hen Par­tei­en? Ich habe in Gesprä­chen oft das Gefühl gehabt, dass Poli­tik­ver­dros­sen­heit auch dadurch ent­ste­hen kann, weil man das gan­ze Sys­tem manch­mal nicht ver­steht – seit­dem ich mich da ein biss­chen hin­ein­ge­fuchst habe, kann ich Din­ge viel bes­ser nach­voll­zie­hen. In Kom­bi­na­ti­on mit den poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Vor­le­sun­gen in Medi­en­wir­kungs­for­schung haben sich bei­de Vor­le­sun­gen sehr gut ergänzt.

Die Ein­füh­rung in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft war eine der weni­gen Vor­le­sun­gen, die selbst­er­klä­rend war. Sie beschäf­tig­te sich mit der Ent­ste­hung und Geschich­te der ein­zel­nen Medi­en (Zei­tung, Radio, Fern­se­hen, Inter­net), deren Ein­fluss auf die dama­li­ge und heu­ti­ge Gesell­schaft und am Ende ein biss­chen mit dem The­ma »wis­sen­schaft­li­chen Arbeit«, mit kor­rek­tem Zitie­ren, Bele­gen und so wei­ter. Ich habe die Vor­le­sung eher sel­ten besucht. 

An die Vor­le­sung Ein­füh­rung in die Jour­na­lis­tik hat­te ich die größ­ten Erwar­tun­gen, ins­ge­samt war das Gan­ze aber eher ein Rein­fall. Es war die ein­zi­ge Vor­le­sung, die nicht in einem Hör­saal statt­fand, son­dern in einer Art rie­si­gem Klas­sen­zim­mer. Der Dozent war zu lei­se, der Rest zu laut. (Ich habe mich immer gefragt, wie­so Stud­ten­ten eigent­lich eine Vor­le­sung gehen, in denen sie nur labern, fast nichts hat mehr Hass­ge­füh­le in mir aus­ge­löst, als das.) Ich war bei der Ein­füh­rung dort, gab der Vor­le­sung noch zwei Mal eine Chan­ce, hab dann aber gemerkt, dass ich genau so gut Zuhau­se blei­ben kann. Sehr scha­de, aber ist halt so.
Die Vor­le­sung selbst beschäf­tigt sich mit Medi­en­for­ma­ten aus jour­na­lis­ti­schem Blick­win­kel: Wer macht sie? Wie wer­den sie pro­du­ziert? Sind es eher har­te oder wei­che Nach­rich­ten? Wie weit dür­fen Jour­na­lis­ten gehen, um Berich­te zu produzieren?

Die Ein­füh­rung in For­schungs­me­tho­den und wis­sen­schaft­li­ches Arbei­ten war eines der schwers­ten Fächer, ver­mut­lich, weil sie so theo­re­tisch und fremd war, dass man sich wirk­lich erst ein biss­chen ein­ar­bei­ten muss­te, um die mit Fremd­wör­ter gespick­te Vor­le­sung zu ver­ste­hen. Klar – am Ende des Stu­di­ums sind wir nun mal Wis­sen­schaft­ler, also muss man auch ler­nen, wie so was funk­tio­niert. Was möch­te ich erfor­schen? Wie stel­le ich For­schungs­fra­gen auf, wie The­sen? Wie unter­su­che ich mein The­ma, wie wei­se ich es nach? Wie führt man Stu­di­en, wann sind sie reprä­sen­ta­tiv, was ist sinn­vol­ler: quan­ti­ta­ti­ve oder qua­li­ta­ti­ve Umfra­gen? Ich fand es sehr anspruchs­voll und es war tat­säch­lich die ein­zi­ge Vor­le­sung, die ich vor­be­rei­ten muss­te, weil ich sonst in den Vor­le­sun­gen nur einen Bruch­teil des­sen ver­stand, was uns ver­mit­telt wer­den soll­te. Die Klau­sur ist ver­mut­lich zu Recht eine der gefürchtesten.

Lernen in der Bibliothek

Fazit

Ich bin ein Mensch, der ger­ne alles nimmt, wie es halt kommt – so auch das Stu­di­um. Erst viel zu spät habe ich gemerkt, dass das regel­mä­ßi­ge Nach­ar­bei­ten des Stof­fes und vor allem, der Lek­tü­re, sau­wich­tig ist, will man am Ende nicht alles auf ein­mal in sei­nen Kopf pres­sen und als Aus­gleich dazu Dro­gen neh­men. Letz­te­res funk­tio­niert bei man­chen viel­leicht gut (also sich alles in den Kopf pres­sen, nicht die Dro­gen … oder viel­leicht auch das), ich habe gemerkt, dass ich lie­ber regel­mä­ßig nach­ar­bei­ten möch­te, mir Lern­kar­ten bas­teln, die­se regel­mä­ßig durch­ar­bei­ten, und am Ende dann eine gesun­de Basis haben, um noch mal alles zu wie­der­ho­len. Ja, da ist also mein Ehrgeiz.

Wider Erwar­ten macht mir das Aneig­nen von Wis­sen sehr viel Spaß. Ich mei­ne, wer hat schon das Pri­vi­leg, den gan­zen Tag dafür zu haben, um sich neu­es Wis­sen anzu­eig­nen? Eigent­lich fan­tas­tisch. Ich mag das. Und bin sehr dank­bar. Und glück­lich damit. Ich freue mich auf das zwei­te Semester.

10 Comments

  1. Sehr sehr cool! Ich fin­de das ja sowie­so klas­se, dass du jetzt stu­dierst und wenn das genau dein Ding ist, dann um so bes­ser! Die Fächer hören sich auch alle ziem­lich inter­es­sant an :) Übri­gens war das bei mir auch der abso­lu­te Hass… wenn du schon kei­nen Bock auf die Vor­le­sung oder was auch immer hast, dann sei wenigs­tens ruhig! Ande­re wol­len ja zuhö­ren und was ler­nen… vie­le sind ein­fach noch viel zu jung, die che­cken das noch nicht, was für ein Pri­vi­leg es ist, etwas zu lernen!

  2. Das klingt doch schon mal sehr viel­ver­spre­chend! Ich wün­sche dir viel Erfolg und auch ein biss­chen Spaß im zwei­ten Semester! :)

  3. Ich find’s ja toll, dass du stu­dierst und es liest sich so als ob dir das Stu­di­um auch viel Spaß macht! Wei­ter­hin viel Erfolg, gera­de in der Klausurenphase :)

  4. Das klingt wirk­lich toll und ähn­lich wie oben, muss auch ich sagen, dass man da wohl sehr stark merkt, was für einen Unter­schied es macht, wenn man erst spä­ter stu­diert. Als ich das ließ (»Ich mei­ne, wer hat schon das Pri­vi­leg, den gan­zen Tag dafür zu haben, um sich neu­es Wis­sen anzu­eig­nen? Eigent­lich fan­tas­tisch.«) dach­te ich: Wow, trifft total. Aber wäh­rend des Stu­di­ums sah das doch ganz anders aus. Wobei, gelernt habe ich viel. Nur nicht so oft das, was auf dem Lehr­plan stand.

    BTW:
    [blockquote]Ich habe mich immer gefragt, wie­so Stud­ten­ten eigent­lich eine Vor­le­sung gehen, in denen sie nur labern, fast nichts hat mehr Hass­ge­fühle in mir aus­ge­löst, als das.[/blockquote]

    Da trifft man halt sei­ne Freun­de und Bekannten. :-)

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