Eine Ode an meine Ex-Mitbewohner. #reedited

Die­ser Text erschien ursprüng­lich im Jah­re 2009 unter der Rubrik »WG-Leben« und ist eine Com­pi­la­ti­on aus meh­re­ren Tex­ten, die ich eigens für die drit­te #Mimimi­mi-Lesung neu zusam­men schrieb.

Nun sit­ze ich also in mei­ner ers­ten eige­nen Woh­nung in Bad Cann­statt, sie hat 28 groß­zü­gi­ge Qua­drat­me­ter und kos­tet 420 Euro warm. Eine wirk­lich tol­le Stei­ge­rung zu mei­nem Zim­mer in der WG, in dem ich nicht mal mei­ne Schlaf­couch aus­zie­hen konn­te. Ich weiß ehr­lich gesagt auch gar nicht, wie ich es geschafft habe, einen Schreib­tisch, Klei­der­schrank und Schlaf­couch auf neun Qua­drat­me­ter so hin­zu­stel­len, dass ich auch noch Platz zum Gehen hatte.

Nach knapp zwei­ein­halb Jah­ren des WG-Lebens ist das natür­lich eine Umstel­lung, kei­nen mehr um sich her­um zu haben. Aber auch sehr schön, weil kei­ne betrun­ke­nen halb­star­ken Freun­de mei­ner Mit­be­woh­ner an mei­ner Zim­mer­tür krat­zen, wäh­rend sie am Boden lie­gen und ver­su­chen, das Klo zu finden.

Ich hat­te ins­ge­samt fünf Mit­be­woh­ner in mei­ner ehe­ma­li­gen WG, die aus Mit­be­woh­ner S., mir und immer wie­der wech­seln­den Mit­be­woh­nern bestand, die in der Regel alle ein halb­jähr­li­ches Prak­ti­kum bei Daim­ler absolvierten.

Mein WG-Zimmer.
Mein WG-Zim­mer mit schö­ner CD-Dekoration.

Mitbewohner S.

Mit­be­woh­ner S. war ein ruhi­ger Zeit­ge­nos­se, meis­tens bemerk­te man ihn gar nicht, außer an den Ber­gen an Geschirr, das über­all her­um­stand. Der ordent­lichs­te war er näm­lich nicht – als ich frisch in die WG ein­zog, ver­an­stal­te­te ich erst mal einen Großputz.

Außer­dem trank Mit­be­woh­ner S. ger­ne mal einen. So wie damals, als es bei uns Sturm klin­gel­te. Ich gehe prin­zi­pi­ell nie an die Türe, weil ich ger­ne wie ein Ein­sied­ler lebe und zudem meist einen total häss­li­chen Jog­ging­an­zug tra­ge, der nicht für frem­de Augen bestimmt ist.
Ich hat­te eine unsäg­li­che Angst vor den Zeu­gen Jeho­vas, den Stern­sin­gern, irgend­wel­chen Spen­den­samm­lern vom Deut­schen Roten Kreuz, die einen voll­quat­schen oder schlimms­ten­falls sogar sin­gen. Letz­tes Mal hät­te ich fast eine jähr­li­che Spen­de für mehr Hub­schrau­ber­lan­de­plät­ze abgeschlossen.

Jeden­falls klin­gel­te es, mehr­mals. Für die Stern­sin­ger war es die fal­sche Jah­res­zeit, für das Deut­sche Rote Kreuz ein­fach zu spät und auf die Zeu­gen Jeho­vas ließ ich es jetzt ein­fach mal ankom­men. Zur Not hat­te ich ja mei­nen abschre­cken­den Jog­ging­an­zug an.

Beim ers­ten Ran­ge­hen an die Sprech­an­la­ge bekam ich kei­ne Ant­wort. Fünf Minu­ten spä­ter klin­gel­te es wie­der. Wie­der kei­ne Rück­mel­dung an der Sprech­an­la­ge, aber als ich den Tür­öff­ner betä­tig­te, hör­te ich jeman­den hoch­kom­men. Nach eini­gen Minu­ten sah ich dann Mit­be­woh­ner S. im Trep­pen­haus, sich schwer ans Gelän­der leh­nend, die Trep­pen hoch­schwan­ken, ein­deu­tig hoher Betrunkenheitspegel. 

Mei­ne ers­te Betrun­ke­nen­re­gel: »Spre­che nie­mals mit Betrun­ke­nen.« Und so ließ ich ihn erst mal in die Woh­nung. Mit lau­tem Rum­peln tram­pel­te er durch den Flur ins Wohn­zim­mer und ramm­te dabei alles, was ihm so in die Que­re kam. Ich hat­te Angst um das Aqua­ri­um – die Fische schwim­men immer wie wild gegen die Schei­be, wenn sie sich unsi­cher fühlen.

Als ich spä­ter wie­der nach ihm sah, war die Haus­tü­re noch offen und auf dem Weg von der Tür bis zum Gang hat er sei­nen Schlüs­sel und ein Bifi ver­lo­ren. Und sei­ne Hose. Er lag halb aus­ge­zo­gen auf dem Boden, kichernd und mit sich selbst redend. Unter dem Esstisch.

Ich gab ihm ein Kis­sen und deck­te ich ihn zu. Die Nacht war ver­mut­lich auch nicht son­der­lich ange­nehm, das Klo schien sein bes­ter Freund gewe­sen zu sein. Wahr­schein­lich stol­per­te er dort auch über den Stern, auf­ge­schla­gen auf der Sei­te, auf der groß stand: »Deut­sche sau­fen oft bis zum Filmriss!«

Trotz allem war Mit­be­woh­ner S., wenn er nicht gera­de betrun­ken unterm Ess­tisch lag, wirk­lich ein sehr ange­neh­mer Mensch, der mir zum Bei­spiel auf­ge­macht hat, wenn ich mich (mal wie­der) aus­ge­schlos­sen hat­te. Meis­tens jeden­falls, ein Mal hat er das Klin­geln und Anru­fen auf sei­nem Han­dy nicht gehört und ich muss­te mir zur Über­brü­ckung der Zeit eine Piz­za in den Haus­flur bestellen.

Ein kleines Beisammensitzen mit Mitbewohner S., U. und einigen Freunden.
Ein klei­nes Bei­sam­men­sit­zen mit Mit­be­woh­ner S., U. und eini­gen Freunden.

Mitbewohner F.

Mit­be­woh­ner F. war der ers­te Mit­be­woh­ner neben Mit­be­woh­ner S. Er tat mir irgend­wie Leid, weil ich anfangs stän­dig sei­ne Türe mit der Bade­tü­re ver­wech­selt habe, was dazu führ­te, dass ich ihn mal dabei erwisch­te, wie er nackt auf dem Bett saß und Gitar­re spielte.

Mit­be­woh­ner F. hat­te außer­dem die Ange­wohn­heit, immer eine Zeit lang das Glei­che zu essen. Zu Beginn hat­te er ein Fai­ble für Reis, den er in allen mög­li­chen Varia­tio­nen in unse­rer gro­ßen Wok-Pfan­ne zube­rei­te­te, was ihm auch den Spitz­na­men »Chi­na-Mann« ein­brach­te – die Pfan­ne durf­te aller­dings dann immer ich sau­ber schrub­ben. So einen rich­ti­gen Sinn für Sau­ber­keit hat­te er näm­lich auch nicht. Etwas spä­ter stieg er um auf Tief­kühl­piz­za. Und den Back­ofen kann in der Hin­sicht eh kei­ner mehr retten.

Mitbewohnerin P.

Mit­be­woh­ne­rin P., Nach­fol­ge­rin von Mit­be­woh­ner F., hin­ge­gen hat es geschafft, nie eine lei­ses­te Spur zu hin­ter­las­sen. Sie kam aus Dres­den, und ehr­lich gesagt habe ich kei­ne Ahnung, was sie in Stutt­gart das hal­be Jahr eigent­lich gemacht hat. Jeden­falls hat sie mor­gens immer eine Stun­de lang das Bad besetzt, weil sie sich ihre lan­gen gol­de­nen Engels­haa­re ein­ge­dreht hat; das ein­zi­ge, wor­um ich sie wirk­lich benei­det habe.

Ich bin ja auch nicht die wirk­lich red­se­ligs­te Per­son auf Got­tes Erden, aber Mit­be­woh­ne­rin P. hät­te man ab und an wirk­lich für tot erklä­ren las­sen kön­nen. Kom­mu­ni­ka­ti­on war aus, und das Essen wur­de in ihrem Zim­mer vor­be­rei­tet. Vor­zugs­wei­se Auf­lauf. Da muss man näm­lich nicht in der Küche ste­hen, weil man da viel­leicht jeman­dem über den Weg lau­fen könnte.

Sie zog irgend­wann auch aus, ohne dass ich es merk­te, aber gewun­dert hat mich das ehr­lich gesagt nicht wirklich.

Mitbewohnerin A.

Mit­be­woh­ne­rin A. hin­ge­gen war das genaue Gegen­teil von Mit­be­woh­ne­rin P. Auf­ge­schlos­sen, red­se­lig und offen für alles, stell­te sie mein Leben ein wenig auf den Kopf. Sie war die ers­te, mit der ich qua­si eine sozia­le WG-Bezie­hung (!) führ­te, wir schau­ten »Germany’s next top­mo­del« und lie­hen uns gegen­sei­tig sogar Kla­mot­ten, so rich­tig ekel­haf­tes Mäd­chen­zeug. Manch­mal frag­te sie mich auch, ob man ihre Oran­gen­haut durch ihre Sport-Legg­ins sehen konn­te, das war für mich zwar cree­py, aber ertragbar.

Schon 2009 konnte man fehlerhafte Selfis knipsen: A. und ich.
Schon 2009 konn­te man unvoll­stän­di­ge Sel­fies knip­sen: A. und ich.

Mit­be­woh­ne­rin A. war Vege­ta­rie­rin und brach­te mich dazu, etwas Gemü­se und Salat zu essen. Oder Nudeln in Toma­ten­so­ße. Mit Karot­ten, Zuc­chi­ni und noch mal irgend­was Grü­nem drin. Mit­be­woh­ne­rin A. leg­te sich zudem stän­dig mit Mit­be­woh­ner S. an, weil sie ihn »eklig« fand. Ein­mal stell­te sie sei­nen Topf mit Fisch­stäb­chen und Kar­tof­fel­brei auf den Bal­kon, weil er schon ewig unauf­ge­räumt auf dem Herd vor sich hingam­mel­te. Wenig spä­ter hat­ten wir vie­le Baby­ma­den auf dem Bal­kon her­um­krab­beln, dar­auf­hin nann­te ich den Bal­kon nur noch lie­be­voll »Baby­ma­den-Kita«.

Das Ende vom Lied war, dass sie ein­fach die letz­te Mie­te nicht über­wies, weil »sie das mal gar nicht ein­sah«. Und ich glau­be, Mit­be­woh­ner S. hat das nicht mal gestört, immer­hin hat­te er von da an sei­ne Ruhe.

Mitbewohner U.

Und zu guter letzt gab es da noch Mit­be­woh­ner U. Mit­be­woh­ner U. moch­te deut­schen Hip Hop und rede­te ger­ne und öfter mal in Angli­zis­men. Er aß noch weni­ger viel­fäl­tig als ich, und prä­fe­rier­te Ketch­up so ziem­lich auf allem. Sein Leib­ge­richt war Toast mit Sala­mi und Ketch­up, den er mit Käse in der Mikro­wel­le überbuk.

Irgend­wann führ­ten wir ein, dass wir jeden Don­ners­tag abwech­selnd sel­ber koch­ten, und so koch­te er mit 26 sein ers­tes Gericht: Lasa­gne. Beim Ein­kau­fen zuvor mein­te er nur, dass man ja nur Lauch und Kräu­ter kau­fe, „damit man was Grü­nes im Essen habe«. Wahr­schein­lich war er damals schon total mit Glut­amat vergiftet.

Mit­be­woh­ner U. war extrem extro­ver­tiert und woll­te einen sozia­le­ren Men­schen aus mir machen. Er hat­te zum Bei­spiel mal mei­ne Geburts­tags­par­ty vor­be­rei­tet, die ich in der WG »fei­ern« soll­te – Par­ty-Musik raus­ge­sucht, Pom­mes im Ofen gemacht, für die Gäs­te den Tisch gedeckt und dann »kamen gar kei­ne Leu­te« – nur ich. Reso­zia­li­sie­rung fehl­ge­schla­gen, wür­de ich sagen.

Montagliches Billardspielen im Carambolage.
Monta­g­li­ches Bil­lard­spie­len im Carambolage.

Mit­be­woh­ner U. brach­te mir LOST nahe und schau­te Seri­en grund­sätz­lich nur im O-Ton. Anfangs ver­fluch­te ich ihn dafür, zum Schluss ver­stand ich sogar Sawy­er mit sei­nem Südstaatenakzent.
Ich brach­te ihm dafür den Alko­hol nahe, Mit­be­woh­ner U. trank näm­lich so gut wie nie was. Nach einem Sex on the Beach beim monta­g­li­chen Bil­lard­spie­len klemm­te er sich eine Haar­span­ge ins Haar, ver­such­te sich am Pole­dan­cing mit dem Queue und fiel fast in die S-Bahn-Glei­se. Des­halb beließ ich es bei die­sem ein­ma­li­gen Versuch.

Und ja, dann zog ich auch schon aus. Mein Zim­mer hat­te der red­se­li­ge Ver­käu­fer aus dem Kauf­land bezo­gen, der mich beim Kas­sie­ren mei­ner Waren immer frag­te, wie ich mich denn heu­te so fühle.

Alles in allem hat­te ich wirk­lich eine schö­ne Zeit in der WG und ich ver­mis­se sie ein wenig. Jeden­falls habe ich mich vor mei­ner ers­ten Ein­wei­hungs­par­ty aus­ge­sperrt und es wirk­lich bereut, kei­nen Mit­be­woh­ner S. mehr zu haben. Aber wie heißt es so schön (und das passt jetzt pri­ma zur Situa­ti­on und auch ganz meta­pho­risch): Schließt sich eine Tür, öff­net sich irgend­wo die nächste.

8 Comments

  1. Liest sich wirk­lich gut! Mitt­ler­wei­le hast du ja auch gut Abstand, ich könn­te jetzt lei­der nicht über mei­ne WG blog­gen, auch wenn das gut was her­ge­ben wür­de :D

    • Jenny

      Dan­ke, das habe ich ja genau zu der Zeit geschrie­ben, in der es aktu­ell war. Aber ja, heu­te wür­de das nicht mehr so gut funk­tio­nie­ren, da zieht man auch sehr vie­le Leu­te mit rein – frü­her war das noch anony­mer. Über wen ich blog­ge, fil­te­re ich heu­te sehr gut.

  2. tux

    was waren das zei­ten, und ich fei­er immer noch die sms von dir: »kannst du mir mal die num­mer von pan­ther piz­za raus­su­chen und schi­cken, ich hab mich aus­ge­sperrt.« :D

    gibts die nächs­ten tage von der letz­ten wg auch noch ne zusammenfassung?

    lg :tux

    • Jenny

      Aha­h­a­ha, Gott, das waren Zei­ten! Ich hat­te den Arti­kel neu­lich im Zuge der »Was wer­de ich lesen?«-Phase aus­ge­gra­ben. <3

      Von der letz­ten WG habe ich gar nicht so viel Stoff. Ich habe irgend­wann auf­ge­hört, über Leu­te um mich her­um zu bloggen.

  3. Ich mag den Text… Das nächs­te Mal bit­te eine Lesung in Hamburg :)

  4. Schö­ne Lek­tü­re. Vie­len Dank dafür.

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