Über veganes Essen und meinen Idealismus.

Ich bin ein Per­fek­tio­nist und Idea­list. Nicht gene­rell, son­dern in den Berei­chen, die mir wirk­lich wich­tig sind. Ich hal­te nichts von hal­ben Sachen – ent­we­der ich mache Din­ge zu 100 Pro­zent oder gar nicht.
Im Bereich »vegan essen« ist das bei mir nichts ande­res gewe­sen: ent­we­der ganz oder gar nicht. Hal­be Sachen gibt es nicht.

Veganismus und Durchhaltevermögen.

Wenn mich Leu­te frag­ten, ob es mir schwer fie­le, vegan zu essen, habe ich das stets ver­neint. Und das mache ich heu­te noch, mit dem Zusatz: »Außer ich esse aus­wärts, da ist es manch­mal schon anstrengend.«
Prin­zi­pi­ell ist es nicht schwer, aus­wärts vegan zu essen, ich schrieb schon mal dar­über. In letz­ter Zeit ertap­pe ich mich aber immer häu­fi­ger dabei, wie ich die lecke­re Vier-Käse-Piz­za schmach­tend ansab­be­re, es mir sogar vor­neh­me, sie zu bestel­len, es dann aber nicht tue. 

Ich bin dann wütend über alles: Über die man­geln­de Aus­wahl an Spei­sen, dass es immer das glei­che ist, und über­haupt, hat­te ich den Monat vier Mal Nudeln in Toma­ten­so­ße und in dem einen Bur­ger­la­den esse ich immer den einen, vega­nen Bur­ger, der geht mir auch schon ordent­lich auf die Nüsse.
Kogni­ti­ve Dis­so­nanz at it’s best: Ich recht­fer­ti­ge mich dafür, etwas zu wol­len, weil ich es mora­lisch nicht mit mei­nen Wer­ten ver­tre­ten kann – und ver­su­che es, mir schön zu reden. (Wem das zu rea­li­täts­fremd klingt, soll­te mal in Dis­kus­sio­nen dar­auf ach­ten, wie Men­schen argu­men­tie­ren, wie­so sie kein Fleisch essen; da ist das recht gängig.)

Ich hat­te die­se Pha­se schon mal, als ich begann, vege­ta­risch zu essen: Ich hat­te irgend­wann, nach über einem hal­ben Jahr, in einem schwä­bi­schen Restau­rant so krass Lust auf Maul­ta­schen, mit Toma­ten­so­ße und Käse über­ba­cken – eines mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings­ge­rich­te. Ich habe sie bestellt, ich habe sie geges­sen, aber es hat sich nicht gut ange­fühlt. Es war für mich schlicht und ein­fach falsch.

Schönreden.

Natür­lich könn­te ich jetzt sagen, dass ein­mal kein­mal ist. Ande­re sagen an der Stel­le meis­tens: »Man muss ja nicht immer so strikt sein. Und auch mal auf sei­nen Kör­per hören: Wenn der das braucht, dann kann es nur rich­tig sein.« Oder dass man doch nicht so streng mit sich selbst sein muss. Aber wie gesagt: Ich bin ein Idea­list. Ich kann ande­ren viel­leicht was vor­ma­chen, aber ich kann mich schwer selbst ver­ar­schen. Mal ganz abge­se­hen von mei­nen mora­li­schen Wer­ten, die ich dann ein­fach über Bord wer­fen würde.

Manch­mal den­ke ich mir: »Wow, Jen­ny, das sind ganz schö­ne first world pro­blems.« Und ande­rer­seits sage ich mir: »Aber war­um klein reden? Es hat sei­ne Daseins­be­rech­ti­gung.« An die­ser Stel­le ver­mis­se ich manch­mal Gleich­den­ken­de um mich her­um. Für jeman­den, der nicht so isst wie ich, ist es ein­fach zu sagen: »Ach, das eine Mal. Sei doch nicht päpst­li­cher als der Papst.« Er spürt nicht mei­nen Zwie­spalt, hat hin­sicht­lich der The­ma­tik ver­mut­lich ganz ande­re Gefüh­le als ich. Für mich ist es eine Grat­wan­de­rung, für ihn nur ein Satz.

Wie ich damit letzt­end­lich umge­he? Die­se Pha­se ist in mei­nem Wan­del zum Vege­ta­ri­er recht bald vor­über gegan­gen, und ich könn­te mir heu­te zum Bei­spiel nie wie­der vor­stel­len, Fleisch zu essen. Nie­mals, wirk­lich. Und des­we­gen weiß ich, dass die­se Pha­se ver­mut­lich auch vor­über gehen wird.

Das ist manch­mal nicht ein­fach, zuwei­len sehr depri­mie­rend. Aber immer, wenn ich es schaf­fe, füh­le ich mich bes­ser, als wenn ich mich gegen mei­ne Prin­zi­pi­en ent­schie­den hät­te. Ich hal­te mir vor Augen, wofür ich es tue, und füh­le mich dann ein­fach mehr im Rei­nen mit mir selbst. Und das ist das, was mich vor­an treibt – und letzt­end­lich für mich zählt.

Die­ser Text gehört zum *.txt-Blog­pro­jekt und beschäf­tigt sich mit dem Wort »Grat­wan­de­rung«.

13 Comments

  1. Im Ansatz ver­steh ich das durch­aus. Ich hab das bei mir bei ande­ren The­men auch.

    Letzt­lich muss man sich aber klar­ma­chen: 100 % nach den eige­nen Wer­ten leben, geht nicht (es sei denn, die Wer­te sind ganz anders als die Rich­tung, die du beschreibst).

    Will ich der Umwelt KEINEN Scha­den zufü­gen, muss ich aus Deutsch­land aus­wan­dern – und dies am bes­ten zu Fuß. In und von der Natur leben usw. usw.

    Das ist zu 100 % in einem Land wie Deutsch­land gar nicht mög­lich. Der Per­so­nal­aus­weis, den du haben musst, ist aus Plas­tik. Post, die dir geschickt wird, wird nicht aus­schließ­lich zu Fuß trans­por­tiert und selbst ein Fahr­rad wird nicht ein­fach nur aus nach­hal­tig ange­bau­ten Bäu­men produziert.

    Das alles soll auf gar kei­nen Fall ein Plä­doy­er sein, nicht zu ver­su­chen danach zu STREBEN, nach sei­nen Wer­ten zu leben. Es ist bes­ser, wenn es sich in die rich­ti­ge Rich­tung bewegt.

    Aber wir müs­sen uns bewusst sein, dass wir in einem Land wie Deutsch­land immer nur rela­tiv etwas ver­bes­sern und nicht die 100 % pure Ide­al­vor­stel­lung ver­wirk­li­chen kön­nen. Viel­leicht in ein­zel­nen Punk­ten, aber nicht ins­ge­samt in einem Wert wie Erhal­tung der Umwelt (wo ich den Tier­schutz jetzt mal inte­griert habe).

    • Jenny

      Das mit den 100 Pro­zent ist in Vega­ner­krei­sen gefühlt immer wie­der ein The­ma, und klar ist auch: kom­plett ohne Tier­leid geht nicht. Das ist mir auch durch­aus bewusst. Mei­ne per­sön­li­chen 100 Pro­zent bedeu­ten, nichts vom Tier zu essen. Bei allen ande­ren Din­gen mache ich Kom­pro­mis­se, aus unter­schied­li­chen Gründen.

  2. Die Fra­ge muss nicht so radi­kal sein, ob das Fahr­rad aus nach­hal­ti­gen Baum­be­stän­den ist, die Fra­ge soll­te und muss der­zei­tig eher sein: Brau­che ich zwei, drei oder vier ver­schie­de­ne Fahrräder?

    • Ich woll­te ja dar­auf hin­aus, dass der tota­le Idea­lis­mus hier nicht mög­lich ist. Ein Fahr­rad wäre dafür ja eben schon zu viel. Oder ein Com­pu­ter, eine Sekun­de im Inter­net, ein Briefkasten.

    • Vega­nis­mus in Ver­bin­dung mit Nach­hal­tig­keit hinkt, da hin­ter dem der­zei­ti­gen Vega­nis­mus mitt­ler­wei­le eine gro­ße Indus­trie steht. Ich als »Omni« kann nach­hal­ti­ger leben als ein Veganer.

      Aber ich glaub so wirk­lich ging es Jen­ny nicht um die­se Fra­ge, son­dern um ihren Idea­lis­mus. Und ich fin­de es rich­tig, dass sie für sich das so strikt sieht. 

      Und da ich auch 2013 mit dem Rau­chen auf­hör­te, kenn ich die­ser Schmach­ter und anfäng­lich gab ich ihnen auch nach. Das ist wirk­lich nicht gut fürs eige­ne Gewisse. 

      Ich blogg­te damals drü­ber und hör­te auch die Sprü­che wie »Ein­mal ist kein Mal«, aber nein, nein und noch­mal nein… Ein­mal ist ein Mal und löst eine Viel­zahl inne­re Mecha­nis­men aus.

      Ich fin­de man muss anfäng­lich radi­kal und vom Idea­lis­mus geprägt sein um sich selbst alte Gewohn­hei­ten abzu­ge­wöh­nen. Jetzt 2015, wenn mein Kopf meint »Kipp­schen?« ist es deut­lich weni­ger quä­lend als noch vor einem Jahr. Es wird bes­ser, aber die­se Schü­be kön­nen immer wie­der kommen. 

      Des­sen muss man sich bewusst sein.

      Man wird für sei­ne Idea­le komisch ange­schaut, dass ist so. Ich hab Anfang 2012 bis Ende 2013 kom­plett kei­nen »rohen« Alko­hol getrun­ken oder geges­sen (Sprich ver­kocht in Sau­cen schon, aber kei­ne Pra­li­nen geges­sen) und bin jetzt mit­te 2014 – nach klei­ne­ren Weih­nachts­feie­res­ka­pen – wie­der dar­auf zu sagen: Nein, nur verkocht!
      Für die­ses Ide­al wer­de ich sehr schief angeschaut.

  3. Auch, wenn ich Auto fah­re und mein Fahr­rad nicht aus nach­hal­ti­ger Her­stel­lung stammt, muss ich ja trotz­dem nicht anfan­gen, Käse zu essen, weil ich mal Lust drauf hab.
    Denk ich.

    Die­sen Zwie­spalt, den du beschreibst, kann ich auch gut nach­füh­len, beson­ders mit die­sem drecks­kä­se. Aber inter­es­san­ter­wei­se erst seit ein paar Wochen… Vor­her hat­te ich nie Lust auf Käse, ich möch­te den noch nicht mal beson­ders gern.

    • Genau. Des­we­gen schrieb ich ja, dass es natür­lich trotz­dem rich­tig ist, sich in Rich­tung der Idea­le zu verbessern.

      Kam wohl nicht so rich­tig rüber.

    • Jenny

      Ja, die­se Pha­se habe ich auch erst seit kur­zem, aber ich ver­mu­te, das hängt hier auch etx­rem mit ande­ren Din­gen zusam­men. Es ver­än­dert sich hier gera­de sehr viel. Des­we­gen den­ke ich, wird es auch bald vor­über gehen.

      Und Käse gibt es ein­fach auch kei­nen guten. Alles ande­re kann man ja echt pro­blem­los erset­zen. Aber dass Du davor unger­ne Käse geges­sen hast und nun Lust dar­auf hast, ist auch eine inter­es­san­te Wandlung.

  4. Dan­ke für den Text, in dem ich mich durch­aus wie­der­fin­de, obwohl ich nicht vegan lebe. Zum einen den­ken ich, dass es durch­aus nicht immer rich­tig ist, auf den Kör­per zu hören und dar­auf, was er ver­meint­lich braucht. Wie oft mir mei­ner immer noch sagt, ich soll­te eine rau­chen, weil er es angeb­lich braucht bezie­hungs­wei­se es ihm gut tut? Frag nicht. Aber ich weiß, genau­so wie Du bei den Maul­tau­schen, dass es nicht rich­tig wäre. Und am Ende eben nicht gut tut! Und was die First-World-Pro­blems angeht: Ich den­ke durch­aus, dass unser Umgang mit Essen weit mehr ist als das. Klar ist Dein Ärger dar­über, was Du wo kriegst oder nicht ein First-World-Pro­blem. Aber die glo­ba­len Aus­wir­kun­gen unse­res Kon­sums und die klei­nen Din­ge, die Du damit ändern kannst, dass Du Dich ärgerst und anders lebst und von Restau­rants oder Super­märk­ten for­derst, bestimm­te Pro­duk­te zu nut­zen oder vor­rä­tig zu haben, machen es irgend­wie auch zu einem All-World-Problem.

  5. djahan

    Eine teil­wei­se sehr lus­ti­ge Serie (für mich der aktu­ell ein­zi­ge Licht­blick am deut­schen Fern­seh­him­mel) hat eine Fol­ge, in der das The­ma Vegan sein, sehr schön beleuch­tet wird. Okay, ich ver­ra­te es euch, die Serie heißt der Tat­ort­rei­ni­ger und es ist Fol­ge 1 (Titel: Fleisch­fres­ser) von Staf­fel 3. Unbe­dingt sehens­wert. Da hat jeder was zu lachen und die Fol­gen sind in sich geschlos­sen und benö­ti­gen kein Vorwissen.
    Ach genau, was mir Hilft »den Maul­ta­schen« zu wider­ste­hen: sich genau bewusst zu wer­den, war­um man Veganer/in ist. Nicht weg zu sehen, bei grau­sa­men Bil­dern und sich sei­nen Idea­len bewusst zu wer­den. Sie dann umzu­set­zen ist eigent­lich gar­nicht mehr (so) schwer.

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