Warum ich nicht mehr so viel blogge.

Im Jahre 2004 eröff­nete ich mei­nen ers­ten Blog. Er hatte einen wirk­li­chen Scheiß­na­men, aber ich war jung – 18, um genau zu sein – und bin bis dato etwas mehr als drei Jahre in »die­ses Inter­net« hin­ein­ge­wach­sen.
Das war zu der Zeit, als meine Freunde noch nicht wuss­ten, was man online alles machen kann, folg­lich schrieb ich auch ein­fach alles in den Blog, was mir gerade so in den Kopf kam. Dass das heute alles nicht mehr online ist, hat ers­tens den Grund, dass ich dafür eine XML-Datei, die die ers­ten schrei­be­ri­schen Ergüsse mei­ner­seits ent­hält, ent-xml-en müsste, und zwei­tens, dass viel Pri­va­tes in den Tex­ten steckt, die ich so heute nicht mehr ver­öf­fent­lich würde.

Viele mei­ner Freunde, die mei­nen Blog gerne lesen, frag­ten oder spra­chen mich dar­auf an, warum ich nicht mehr so viel schrei­ben würde. Das hat viele Gründe.

Einer der Gründe heißt schlicht und ein­fach soziale Netz­werke. »Frü­her« gabe es soziale Netz­werke in die­sem Sinne nicht so wie heute, und des­halb lan­dete kurzum auch alles in mei­nem Blog: ein Foto, ein Zitat, ein Musik­vi­deo. Frü­her gab es auch noch keine Smart­pho­nes, die man über­all hin mit­nahm und von jeder Ecke der Welt ein Lebens­zei­chen von sich geben konnte. Da setzte man sich abends an den Rech­ner und schrieb sich alles von der Seele.

Heute haben wir ja wirk­lich die Qual der Wahl: Face­book, das bei mir aber nur noch ein Sam­mel­su­rium für Kon­takte und Nach­rich­ten ist wegen des doo­fen Algo­rith­mus; Twit­ter, in das man halt alles rein­klopft, was einem spon­tan in die Birne kommt; Ins­ta­gram, um Fotos zu tei­len und Snap­chat, um Fotos und auch Videos zu ver­öf­fent­li­chen.

Ich kann also Texte twit­tern, die mir in den Kopf kom­men, Fotos pos­ten, die ich gerade auf­ge­nom­men habe und etwas live kom­men­tie­ren, wenn ich irgendwo bin. Das frisst Zeit, und auch, wenn man das Gefühl hat, man inves­tiere nicht viel Zeit, um all diese Dinge zu tei­len: man tut es doch, da muss man nur mal ganz tief in sich gehen.
Um zurück zum Thema zu kom­men: Bei die­sem gan­zen Auf­wand, den ich erzeugt habe, um mich tags­über über ver­schie­dene Kanäle mit­zu­tei­len – da setze ich mich doch abends nicht mehr hin, um mei­nen Tag noch­mals für den Blog zusam­men­zu­fas­sen. Mei­nen Rech­ner, der frü­her unab­ding­bar fürs Blog­gen und auch mein Leben war, öffne ich nur noch sel­ten, und zwar dann, wenn ich arbeite oder was für die Uni recher­chiere. Alles andere klappt auch über das iPhone.

Ich lese in letz­ter Zeit auch kaum noch Blogs. Alle pos­ten sie gefühlt nur noch DIY, irgend­wel­che Tipps, Fashion, Rezepte und alles ist voll mit gespon­ser­tem Mist, Events und, und, und. Es lang­weilt mich. Alle sind sie per­fekt, alle immer gut­aus­se­hend. Und das ist auch in Ord­nung bis zu einem gewis­sen Grad, aber der Grat zwi­schen »ich stelle mich in einem guten Licht dar« und einem »künst­lich erschaf­fe­nen Ich« ist gar nicht so weit von­ein­an­der ent­fernt.

Zum Stich­wort Authen­ti­zi­tät.

Die­ses »Du bloggst gar nicht mehr so authen­tisch wie frü­her« höre ich ab und an noch – oft klingt es sogar ein wenig vor­wurfs­voll und in die­sen Momen­ten lache ich leise und hämisch in mich hin­ein, weil viele gar nicht dar­über nach­den­ken, wie es einem Blog­ger dabei geht.

Heute lesen alle mei­nen Blog. Man muss ein­fach auf­pas­sen, was man schreibt. Damit meine ich nicht, dass man pri­vate Dinge öffent­lich macht, son­dern dass sich viele Men­schen, die mich ken­nen, viele Dinge in mei­nen Texte hin­ein­in­ter­pre­tie­ren. Jeder, der mich schon län­ger liest, weiß, dass meine Texte sehr oft iro­nisch, manch­mal völ­lig über­trie­ben sind – aber mit einem wah­ren Kern. Viele ver­ste­hen das nicht. Und oft wer­den Dinge in diese Texte inter­pre­tiert, oder etwas auf sich bezo­gen, ohne, dass ich der­ar­ti­ges im Sinn hatte. Folg­lich über­lege ich mir natür­lich dop­pelt und drei­fach, was ich schreibe, wie ich es for­mu­liere, so, dass sich kei­ner auf den Schlips getre­ten fühlt. Dass da nicht mehr viel von einem selbst übrig bleibt, dürfte klar sein.
Das ist natür­lich kein rei­nes »Blog«-Problem, son­dern wei­tet sich auch auf meine Pro­file in den Netz­wer­ken aus – aber das ist es ja auch, was das »Blog­gen« heut­zu­tage ist: sich mit­tei­len, eben nur auf meh­re­ren Kanä­len.

Ja, und sonst ist heut­zu­tage eben auch vie­les öffent­lich. »Damals« war das Inter­net anony­mer, heute lesen neben Freunde und Fami­lie auch meine Arbeits­kol­le­gen und ferne Bekannte mit. Man kann mich goo­g­len, viel über mich her­aus­fin­den. Ich habe prin­zi­pi­ell kein Pro­blem, das zu schrei­ben, was mir in den Sinn kommt, aber es geht eben auch nicht immer nur um mich. Son­dern auch um mein Umfeld, das mich beein­flusst, des­sen Pro­bleme ich mit­be­komme sowie was sie beschäf­tigt oder glück­lich macht. Das gehört nicht ins Inter­net und das respek­tiere ich auch – aber das schränkt mich eben auch wie­der ein.

Dass sich das Inter­net wei­ter­ent­wi­ckelt ist Fluch und Segen zugleich. Ich habe für mich einen guten Mit­tel­weg gefun­den, mich mit­zu­tei­len, auch wenn es nicht mehr so ist »wie frü­her«. Und ja, ich finde es auch unglaub­lich albern, und wenn ich das so schreibe, fühle ich mich auch stein­alt und ich wäre gerne wie­der 15, in Anime-Foren her­umsur­fend, wäh­rend mich AOL stän­dig aus der Lei­tung kickt. Ich bin gewiss kein Gewohn­heits­tier und sehe allem immer posi­ti­ver als nega­ti­ver ent­ge­gen, aber bei die­sem Thema, tja, da bin ich ein­fach ein biss­chen nost­al­gisch.

Ich bin mit dem Blog­gen erwach­sen gewor­den und es ist seit eini­gen Jah­ren eine Hass­liebe, weil ich es eben liebe, aber so sehr ein­ge­schränkt werde. Klar ist es das Los, das man zieht, wenn man Texte öffent­lich schreibt; »damit musst Du dann leben«, höre ich oft. Das mag so sein. Und ich dachte auch immer, ich ste­cke vie­les weg, aber es ist dann doch nicht so: Auch, wenn es nach außen hin nicht so aus­sieht, bin ich sehr sen­si­bel und denke ein­fach zu viel nach.

Bis ich den opti­ma­len Weg für mich gefun­den habe, mache ich ein­fach wei­ter wie immer – nach Gefühl, so wie ich denke. Und falls mich noch­mals je einer fra­gen sollte, was aus mir und dem Blog­gen gewor­den ist, so habe ich jetzt immer­hin die­sen Text.

5 thoughts on “Warum ich nicht mehr so viel blogge.

  1. Abso­lut, volle Zustim­mung und dop­pelt und drei­fach ja. Und eigent­lich ist es mir auch egal, wenn man nur alle paar Monate was schreibt und das alles per­fekte… ich ver­su­che es, schei­terte und will auch gar nicht mehr… vor allem der Zwang zu jedem Bei­trag ein pas­sen­des Foto zu haben finde ich furcht­bar! Frü­her hat man ein­fach nur bla­bla irgend­was geschrie­ben von 1 Zeile bis 1000 Wör­tern und jetzt muss man es SEO opti­miert machen mit Zwi­schen­über­schrif­ten und min­des­tens einem Bild und am bes­ten 3 Links nach außen… wah! Hab den Faden ver­lo­ren. Kuss!

  2. Kann ich nach­voll­zie­hen… Ich lese auch nicht mehr so viele Blogs und die, die in mei­nem Fee­dre­a­der sind blog­gen zum Glück nicht so oft XD XD XD
    Bei mir rei­chen zZ die Micro­blog­ging-Kanäle wie Twit­ter und Ins­ta­gram voll­kom­men aus… Aber irgend­wie will ich das Blog­gen trotz­dem nicht auf­ge­ben… Aber irgend­wie schon.
    Schwer.
    Viel­leicht sind wir ein­fach zu alt für den Scheiß gewor­den?

  3. Hallo,
    ich lese noch immer gerne. Damals zu Sta­ti­ons-Zei­ten hatte ich dich ja »ent­deckt« und das hat immer Spaß gemacht. Macht es noch immer. Ich blogge auch mitt­ler­weile weni­ger, wobei ich gern mehr machen würde

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